H-Soz-u-Kult – 8. April 2002 / Anlässlich des 10-jährigen Bestehens von GEDENKDIENST

08.04.2002

Projekt Beschreibung

Anlässlich des 10-jährigen Bestehens von GEDENKDIENST Gedenkdiensttagung 8.-11. Mai 2002 im Bildungshaus St. Virgil, Salzburg VERMÄCHTNIS HOLOCAUST – STRATEGIEN DER NACHGEBORENEN IM UMGANG MIT NATONALSOZIALISMUS UND HOLOCAUST Die Gründe für den deutlichen Paradigmenwechsel im Umgang mit Nationalsozialismus und Holocaust sind bekannt: die Aufhebung von Archivsperren, das Ende des Kalten Krieges, die zunehmende Bereitschaft sowohl auf Opfer- als auch auf Täterseite, über die eigene Vergangenheit zu sprechen – und das Heranwachsen einer Generation, die dieser Vergangenheit unbefangener gegenüber steht als die beiden Generationen davor. Für die heute etwa 18-bis 35-Jährigen, die Enkel und Urenkel derer also, die während der nationalsozialistischen Herrschaft zu Tätern oder Opfern, Zuschauern oder Mitläufern wurden, ist der Umgang mit der Vergangenheit zwangsläufig ein anderer. Die Frage »Was hast Du damals getan?« hat an Sprengkraft verloren. Sie richtet sich nicht mehr an die eigenen Eltern, die Nachkriegs- und Wiederaufbaugeneration, sondern an die Groß- oder Urgroßeltern. Es ist dadurch leichter geworden – und ist doch noch immer schwierig genug – das Schweigen zu brechen und sich auch an die letzten Tabuthemen heranzuwagen. Gedenkdienst ist eine Organisation, die von eben dieser Generation getragen wird. Das zehnjährige Bestehen des Vereines wird zum Anlass genommen, erstmals im Rahmen einer Tagung über den Umgang der Enkel- und Urenkelgeneration mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu reflektieren. Was kann und soll Gedenken mehr als fünfzig Jahre nach Kriegsende bedeuten? Wodurch unterscheiden sich die Generationen in ihrem Umgang mit der Vergangenheit? Wo liegen die jeweiligen Defizite? Wie wird man in Zukunft gedenken? Und sind wirklich alle Tabus im Umgang mit der Vergangenheit gefallen? Diese und andere Fragen werden von renommierten WissenschafterInnen und ehemaligen Gedenkdienstleistenden – von denen viele selbst im wissenschaftlichen Bereich tätig sind – in Vorträgen, Workshops und Podiumsdiskussionen untersucht. Zeitgleich mit der Tagung erscheint das Buch »Jenseits des Schlussstrichs. Gedenkdienst im Diskurs über Österreichs nationalsozialistische Vergangenheit«. Darüber hinaus wird die zehnjährige Zusammenarbeit des Vereins mit Gedenkstätten in aller Welt im Rahmen einer Ausstellung im Bildungshaus St. Virgil dokumentiert. GEDENKDIENST Der 1992 gegründete Verein hat sich das Ziel gesetzt, Aufklärungsarbeit über den österreichischen Anteil an Nationalsozialismus und Holocaust zu leisten. GEDENKDIENST bietet jungen ÖsterreicherInnen die Möglichkeit, nach eingehender Vorbereitung 14 Monate an Holocaust-Gedenkstätten und anderen jüdischen Institutionen im Ausland zu arbeiten. Seit 1992 nahmen Hunderte ÖsterreicherInnen (vorwiegend zivildienstpflichtige Männer sowie Jugendliche bis zum 25. Lebensjahr im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes) diese Möglichkeit wahr. Sie leisteten Gedenkdienst an Gedenk- und Forschungsstätten (beispielsweise Yad Vashem, Jerusalem; Anne Frank Haus, Amsterdam; am U.S. Holocaust Memorial Museum, Washington), an Stätten der Begegnung (Int. Jugendbegegnungsstätte Auschwitz, Oswiecim; Gedenkstätte Theresienstadt, Terezín), in sozialen Einrichtungen (Mueller Cohen Elternheim, Tel Aviv; ESRA, Wien) sowie an Einsatzstellen, bei denen die Begegnung mit Holocaust- Überlebenden im Vordergrund steht (Leo Baeck Institute, New York; Fundación Memoria del Holocausto, Buenos Aires).* Die Arbeit des Vereines beschränkt sich jedoch nicht nur auf den Einsatz im Ausland: Viele Gedenkdienstleistende setzen nach der Rückkehr die Aufklärungsarbeit in Österreich fort. GEDENKDIENST organisiert Vorträge, Zeitzeugengespräche, Podiumsdiskussionen, Tagungen zu Schwerpunktthemen sowie Studienfahrten zu Gedenkstätten und dokumentiert damit auch in Inland ein klares Bekenntnis zur Mitverantwortung Österreichs an den Verbrechen des Nationalsozialismus. *In der Zivildienstgesetz-Novelle 1997 wurde GEDENKDIENST als »Dienst in Einrichtungen zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus« gesetzlich verankert. Die Zielsetzungen des von Dr. Andreas Maislinger gegründeten Vereines werden von zwei weiteren Trägerorganisationen im Wesentlichen geteilt: vom Verein für Dienste im Ausland (1998 von Dr. Maislinger nach seinem Ausscheiden aus dem Verein GEDENKDIENST gegründet) sowie von dem seit 1994 bestehenden und vom Österreichischen Gewerkschaftsbund getragenen Verein Niemals Vergessen. VORTRAGENDE UND WORKSHOPLEITERINNEN Bailer-Galanda, Brigitte: Wien, Historikerin im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Mitglied der Historikerkommission. Bar-On, Dan: Beer Sheva (Israel), Professor für Psychologie an der Ben-Gurion-University of the Negev; Direktor des Center for Dialogue Between Populations in Conflict und Direktor von PRIME (Peace Research Institute in the Middle East) bei Beit Jala, PNA. Beckermann, Ruth: Wien, Filmemacherin (»Die papierene Brücke«, »Jenseits des Krieges«, »Ein flüchtiger Zug nach dem Orient«) und Buchautorin (»Die Mazzes-Insel«, »Unzugehörig«). Bukey, Evan Burr: Arkansas (USA), Professor für Geschichte an der University of Arkansas; Veröffentlichungen zur »Politik- und Sozialgeschichte von Linz 1908-1945« (1986) und »Hitlers Österreich« (2001). Embacher, Helga: Salzburg, Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Salzburg; Arbeiten zu Nationalsozialismus und Israel. Frei, Norbert: Bochum (Deutschland), Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Institut der Ruhr-Universität Bochum. Gödl, Doris: Salzburg, Psychoanalytikerin und Sozialwissenschafterin; Lektorin an der Universität Innsbruck. Hinterleitner, Norbert: Amsterdam (Niederlande), Jurist; Mitarbeiter des Anne Frank Hauses, Koordinator der Projekte in Osteuropa. Horvàth, Martin: Wien, Journalist und Übersetzer. Mitarbeiter des Austrian Heritage-Projektes in New York. Joskowicz, Alexander: Wien/Chicago (USA), Historiker; Doktorand und Lektor an der University of Chicago. Kerschbaumer, Gert: Salzburg, Historiker und Germanist; Veröffentlichungen: »Faszination Drittes Reich« und »Meister des Verwirrens. Die Geschäfte des Kunsthändlers Friedrich Welz«. Klösch, Christian: Wien, Historiker; Mitarbeiter der Historikerkommission; Obmann des Vereins GEDENKDIENST. Kühschelm, Oliver: Pfaffstätten/Wien, Historiker; Gedenkdienstleistender in Buenos Aires 2000/ 2001, Doktorand an der Universität Wien (»Unternehmen als österreichische Gedächtnisorte«). Legerer, Anton: Wien/Firenze (Italien), Psychologe; Doktorand am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz (»Modelle eines generationsspezifischen Umgangs mit Nationalsozialismus und Holocaust im Vergleich: Gedenk- und Sühnedienste in Deutschland und Österreich.«). Lichtblau, Albert: Salzburg, Professor für Geschichte an der Universität Salzburg; Mitarbeiter des Instituts für Geschichte der Juden in Österreich; wissenschaftlicher Leiter des Austrian Heritage Projektes. Molden, Berthold: Wien/Guatemala, Historiker; Doktoratsstipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (»Gerechtigkeit und nationale Versöhnung. Die Nachkriegsgesellschaften Österreichs und Guatemalas im historischen Vergleich«). Mühl, Dieter Josef: Wien/Tel Aviv (Israel), Historiker; Mitarbeiter der Österreichischen Historikerkommission; Doktorat in moderner jüdischer Geschichte. Pollak, Alexander: Wien, Wirtschaftswissenschafter und Sprachwissenschafter; wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsschwerpunkt »Diskurs, Politik, Identität« an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Prasenc, Gottfried: Graz, Architekt; Assistent an der Technischen Universität Graz. Prenninger, Alexander: Salzburg/Wien, Historiker und Zeithistoriker; freier Mitarbeiter des Ludwig Boltzmann-Institutes für Historische Sozialwissenschaft; Projektmitarbeiter der Historikerkommission. Reiter, Margit: Wien, Zeithistorikerin; Univ.-Ass. am Institut für Zeitgeschichte in Wien; Habilitation über den Umgang der zweiten Generation mit Nationalsozialismus und Holocaust. Schneider, Bernhard: Wien, Architekt; Gründer und Leiter des Vereins ARCHE – Plattform für kulturelle und wissenschaftliche Projekte. Schneider, Christian: Frankfurt a.M./Kassel (Deutschland), Soziologe und Forschungsanalytiker; Mitarbeiter am Sigmund Freud-Institut in Frankfurt und Privatdozent an der Universität Kassel. Staffa, Christian: Berlin (Deutschland), Theologe; Begründer des Instituts für Vergleichende Geschichtswissenschaften; Geschäftsführer der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Uhl, Heidemarie: Graz/Wien, Historikerin; Mitarbeiterin der Abteilung für Zeitgeschichte der Universität Graz sowie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Wien. Wegan, Katharina: Wien, Zeithistorikerin; Doktorandin (»Résistancemythos« – »Opfermythos«. Ein Vergleich der französischen und österreichischen Erinnerungspolitik und ihrer Geschichtsnarrative nach 1945 im Spiegel der Denkmäler). Whiteman, Dorit B.: New York (USA), Psychologin; zahlreiche Arbeiten zum intergenerationellen Umgang mit der nationalsozialistischen Verfolgung. Winkler, Astrid: Wien, Soziologin; Leiterin und Trainerin von NCBI Wien (Workshopmodelle gegen Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus); Doktorandin an der Universität Wien (»Tradierung von Nationalsozialismus und Holocaust in österreichischen Familien«).

Projekt Details

  • Datum 16. Juni 2016
  • Tags Pressearchiv 2002

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