Gedenkdienst neu gedacht, wienerzeitung.at

09.11.2012

Projekt Beschreibung

Gedenkdienst neu gedacht

Fällt mit der Wehrpflicht der Zivildienst, könnte Bundeskanzleramt NS-Erinnerungsdienst übernehmen

Von Clemens Neuhold
  • Jährlicher Kampf um Finanzierung, Bundeskanzleramt will Reform.
In Yad Vashem leisten junge Österreicher Gedenkdienst, um Jugendliche ans Erinnern zu erinnern.
In Yad Vashem leisten junge Österreicher Gedenkdienst, um Jugendliche ans Erinnern zu erinnern.© ……

Wien. Ein Brief vom Großvater an die Großmutter, kurz bevor er in Auschwitz vergast wurde, ein Tagebucheintrag einer Holocaust-Überlebenden über die tägliche Hungerhölle im KZ: Zeitdokumente gegen das Vergessen, die für immer verschwinden, wenn sie niemand archiviert.

 

Auf wackeligen Beinen Doch dieser Erinnerungsdienst steht auf wackeligen Beinen. Einerseits wird jährlich um die Finanzierung gerungen. Andererseits ist völlig offen, wie es nach einem möglichen Ende von Wehrpflicht und Zivildienst weitergeht.

Aus dem Bundeskanzleramt ist nun zu hören, dass man gesprächsbereit ist, den Gedenkdienst zu übernehmen. Bei den nächsten Regierungsverhandlungen werde man das aufs Tapet bringen. Jetzt soll es Gespräche mit Gedenkdienstvereinen geben.

Derzeit trägt das Innenministerium den Großteil der jährlichen Kosten von 720.000 Euro für rund 120 junge Menschen im Auslandsdienst (davon 50 im Gedenkdienst). Im Frühjahr, als das Innenministerium die Gelder wegen des Spardrucks kürzte, setzte sich Bundeskanzler Werner Faymann für eine Beibehaltung der Mittel ein und trieb den Fehlbetrag von 100.000 Euro bei anderen Ministerien auf.

Für nächstes Jahr sind die 720.000 Euro gesichert, heißt es auf Anfrage im Innenministerium von Johanna Mikl-Leitner. „Das ist erfreulich, sagt Tanja Windbüchler-Souschill, die sich bei den Grünen für den Gedenkdienst einsetzt. „Doch es ist nicht sehr nachhaltig, wenn wir jedes Jahr zittern, ob es genug Mittel gibt.“

Ein eigenes Gesetz im Bundeskanzleramt zur Absicherung des Gedenkdienstes ist für sie „absolut wünschenswert“. Das sollte aber für Männer und Frauen gelten. Deswegen fordert sie eine Aufstockung der Mittel auf eine Million Euro, damit bis zu 150 junge Menschen jährlich im Gedenkdienst und Sozialdienst arbeiten können. „Besonders die Einsätze in Ländern wie Israel sind sehr teuer. Es gibt auch Holocaust-Gedenkstätten in Amerika. Den Gedenkdienst im Ausland sollen sich nicht nur Wohlhabende leisten können.“ Für Versicherung, Visa, Wohnung, Versorgung und Öffis bekommen die Auslandsdiener derzeit rund 8100 Euro pro Jahr und Nase. Die Gedenkdienste wünschen sich 10.000 Euro pro Mitarbeiter, um ihre Leute gut auszustatten.

Taschengeld reicht nicht Das freiwillige soziale Jahr, das Sozialminister Rudolf Hundstorfer neu geregelt hat, sieht Windbüchler-Souschill nicht als geeigneten Ersatz für den Gedenkdienst. „Die Sozialversicherung und die Familienbeihilfe, die da übernommen werden, ist für Auslandsdienste viel zu wenig.“

Information

Wissen: Gedenkdienst Junge zivildienstpflichtige Österreicher bis zum Alter von 28 Jahren können statt des regulären Zivildienstes im Ausland einen Ersatzdienst an Einrichtungen, die sich dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus widmen, leisten. Dieser Zivilersatzdienst („Gedenkdienst“) dauert derzeit 12 Monate und wird von einem Förderverein finanziell unterstützt. Der Verein übernimmt Kosten für Versicherungen, Reisen, Wohnen und Verpflegung. Derzeit finanziert das Innenministerium den Verein. Die aktuell 50 Jugendlichen leisten ihren Gedenkdienst etwa in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, der Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam oder in Holocaust-Museen auf der ganzen Welt.

In solchen Archiven und an anderen Holocaust-Gedenkstätten arbeiten Jahr für Jahr rund 50 junge Österreicher im Rahmen des sogenannten Gedenkdienstes, der anstatt des Bundesheeres abgeleistet werden kann. „Das war eine großartige Erfahrung. Ich wollte zeigen, dass die dritte Generation nichts von der Opferrolle hält, hinter der sich Österreich versteckt hat“, sagt Politikwissenschaftsstudent Thomas Schautzer, der als 22-Jähriger im Anne-Frank-Haus Jugendliche unterrichtet hat.

Link: http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/oesterreich/politik/500344_Geden…

Projekt Details

  • Datum 20. Juni 2016
  • Tags Pressearchiv 2012

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